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Schule als Ort des "Sozialen Lernens"

Soziales Lernen zielt auf den Aufbau positiver Beziehungen und die Fähigkeit, das eigene Tun zu reflektieren und sich selbst und andere wahr- und anzunehmen. Soziales Lernen trägt dazu bei, Unterschiede untereinander zu respektieren und miteinander wertschätzend, rücksichtsvoll und verantwortungsbewusst umzugehen. Soziales Lernen ist ein integraler und wesentlicher Bestandteil des Unterrichts. Soziales Lernen findet immer statt.

„In Dartington, glaube ich, ging man von der Annahme aus, dass die Welt voller Menschen ist, die sich voneinander in ihren Fertigkeiten und angenehmen Eigenschaften, in ihrem Temperament, ihrem Einfühlungsvermögen, in Haarfarbe, Größe und Geschlecht unterscheiden, und dass diese Unterschiede nur eine von vielen Möglichkeiten sind, um Menschen einzuordnen, und von durchaus begrenztem Nutzen, um etwas über ihre Natur auszusagen.“
(eine ehemalige Schülerin zitiert in: Gribble, David: Schule im Aufbruch. – Freiamt: Mit Kindern wachsen Verlag. 2000)

Die Lehrpläne aller österreichischen Schularten fordern die Entwicklung von Schlüsselqualifikationen und das Herausbilden fundamentaler Kompetenzen im Unterricht; nicht nur der Erwerb von Sachkompetenz ist Ziel des Unterrichts, sondern auch der Erwerb von Selbst- und Sozialkompetenz. Dazu gehört – in Stichworten:

  • Bereitschaft zum selbstständigen Denken und zur kritischen Reflexion
  • Sozial orientierte und positive Lebensgestaltung
  • Befriedigendes Leben
  • Konstruktive Mitarbeit an gesellschaftlichen Aufgaben
  • Dynamische Fähigkeiten (Fähigkeiten und Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen; mit anderen kooperieren; mitwirken an der Gestaltung des sozialen Lebens; Initiative entwickeln)
  • Förderung von Urteils – und Kritikfähigkeit sowie Entscheidungs- und Handlungskompetenz
  • Verantwortungsbewusster Umgang mit sich selbst und den anderen
  • Weltoffenheit (Humanität, Solidarität, Toleranz, Frieden, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Umweltbewusstsein als handlungsleitende Werte)
  • Vorbereitung auf das private und öffentliche Leben

Für die Schule und den Unterricht im Besonderen bedeutet das:

  • Die Unterrichtenden arbeiten mit Schülerinnen und Schülern und nicht mit dem Thema.
  • Dem sozialen Geschehen in der Klasse wird ein besonderes Augenmerk gewidmet.
  • Lehrerinnen und Lehrer einer Klasse arbeiten als Team.
  • Lehrende akzeptieren die individuellen Entwicklungsgeschwindigkeiten der Lernenden und erkennen an, dass der Lernprozess und sein Ergebnis den Lernenden gehören. (differenzierte Förderung von Begabungen und Talenten, Interessen und Neigungen, sowohl im intellektuellen als auch im emotionalen und sozialen Bereich)
  • Das Klima der Schule zeichnet sich durch Zusammenarbeit und gegenseitige Wertschätzung aus und bietet Modelle zu einer konstruktiven Konfliktlösung an. (Peer-Mediation aber auch die Betreuung durch Schüler/innen-berater/innen und Schüler/innen-betreuer/innen)
  • Die Unterrichtsangebote haben einen persönlichkeitsbildenden Bezug und schaffen Raum für das Reflektieren und Erproben von Zivilcourage und künftiger Bürgerpflicht.
  • Die schulische Organisation bietet ausreichend Raum und Zeit für eigenständiges Lernen über den eigentlichen Fachinhalt hinaus (z.B. durch themenzentrierte oder fächerübergreifende Arbeit, Projektunterricht…).
  • Die Schule ist offen für ihr Umfeld, im räumlichen wie im sozialen Sinn (z.B. kulturelle Vermittlungsprojekte mit Künstler/innen und Kulturschaffenden; Zusammenarbeit mit außerschulischen Jugend- und Wohlfahrtsorganisationen; Einbeziehen von Fachleuten…)
  • Die Schule ist bedacht auf einen verständnis- und respektvollen Umgang mit anderen Menschen und Kulturen.
  • Die Schule bemüht sich um Gewaltprävention in jeglicher Hinsicht.
  • Die Lehrerinnen und Lehrer entwickeln ihre Selbst- und Sozialkompetenz weiter.

David Gribble, einer der Gründer der Sands – Schule schreibt:

Ich weiß noch immer nicht, wie die ideale Schule aussehen sollte, aber ich hoffe, es ist jetzt offensichtlich geworden, dass die Fragen, die am häufigsten gestellt wurden, die falschen sind: „Wie kann man Kinder dazu bringen, mehr zu lernen?“ fragen die Ehrgeizigen. Aber Kinder lernen unaufhörlich – beim Spiel, bei kreativen Tätigkeiten, bei Unterhaltungen, aus Büchern, durch Fernsehen, aus Filmen und von der Welt um sie herum. Schulen, die zu sehr versuchen, ihnen etwas beizubringen, gehen das Risiko ein, Kinder vollkommen vom Lernen abzuschrecken. „Wie können wir Kindern den Unterschied zwischen „falsch“ und „richtig“ beibringen?“ fragen die Gewissenhaften. Aber Kinder kennen den Unterschied zwischen „falsch“ und „richtig“, und wenn man es ihnen erlaubt, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen, dann wollen sie sicherstellen, dass man sich um sie und um andere kümmert und sie beschützt. „Wie können wir die Disziplin in der Schule verbessern?“ fragen die Konventionellen. Aber die meisten sozialen und akademischen Probleme werden nicht durch Disziplin, sondern durch Respekt, Zuneigung und Freiheit abgemildert, wenn nicht sogar gelöst. „Wie können wir Kindern beibringen zu denken?“ fragen die Intellektuellen. Wie SchülerInnen der in diesem Buch vorgestellten Schulen immer wieder explizit gesagt haben, lernen Kinder, denen man erlaubt, ihr eigenes Leben zu organisieren, eigenständig zu denken. (Gribble, David: Schule im Aufbruch. – Freiamt: Mit Kindern wachsen Verlag. 2000)

Und Hartmut von Hentig warnt:

„Wenn eine Gesellschaft ihre jungen Menschen nicht braucht und sie dies ausdrücklich wissen lässt, indem sie sie in Schulen, an Orten, von denen nichts ausgeht, kaserniert und mit sich selbst beschäftigt, sie von allen Aufgaben ausschließt, dann zieht sie ihre eigenen Zerstörer groß.“

Anmerkung:
Durch die Begriffsbildung „Soziales Lernen“ wird suggeriert, dass soziales Lernen isoliert eingeübt und gelernt werden kann – aber jede Entwicklung, jeder Lernfortschritt basiert auf einer vielfältigen, alle Intelligenzen und die Phantasie einbeziehenden Arbeit der Lernenden. Lernen erfolgt nicht in einem isolierten Kontext, sondern immer ganzheitlich. Es mag Schwerpunkte geben, so wie sich ein Kind sprunghaft in verschiedenen Phasen und in unterschiedlichen Bereichen stärker entwickelt, aber immer sind Körper und Geist, Intellekt und Gefühl aufeinander bezogen und entwickeln sich gemeinsam. (Ingrid Salner-Gridling)