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Neue Autorität - Stärke statt Macht

Lieber Max!

Du bist uns sehr wichtig und wir möchten, dass du dich in der Schule wohl fühlst und dass du gute Freunde findest. Wir wollen aber auch, dass sich alle anderen in der Klasse wohl fühlen und das ist nur möglich, wenn wir ohne Zuhauen und Schimpfwörter auskommen und in Ruhe lernen können.

Wir wollen, dass du lernst, mit deinen Mitschülern freundlich umzugehen, dass du gut zuhörst und deine Arbeiten ordentlich erledigst, ohne dich ablenken zu lassen oder andere zu stören.

Wir sind für dich verantwortlich und müssen dafür sorgen, dass dir das gelingt. Alle, denen du wichtig bist, werden dabei mithelfen. Wir werden regelmäßig besprechen, was dir gut gelungen ist und was noch nicht in Ordnung ist. Wenn du etwas machst, das andere stört oder ihnen schadet, werden wir dir dabei helfen, es wieder in Ordnung zu bringen.

Deine Lehrer/innen und Eltern

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Gestern sowie auch heute hat mir Max Meier erklärt, seine Zukunft liege ihm sehr am Herzen. Ich konnte ihn daher auffordern, dies vor seiner Klasse zu bekräftigen. Er hat der Klasse versprochen, dass er im Unterricht nicht mehr stören und eine ordentliche Mitarbeit zeigen werde. Außerdem unterschrieb er vor der Klasse die mit ihm abgesprochenen Punkte.

Herr Meier, der Vater des Schülers, kam gleich im Anschluss in die Direktion und hat mit seiner Unterschrift die Vereinbarung bestätigt. Außerdem wurde ihm eine Kopie ausgehändigt.

Ich ersuche euch, Max immer wieder an sein Versprechen zu erinnern!

Falls trotzdem ein grober Vorfall gemeldet werden sollte, werden wir Max 14 Tage lang im Einzelunterricht betreuen. Ich bin aber guten Mutes, dass die Vereinbarung hält.

M I T   F R E U N D L I C H E M   G R U ß

Direktor Liebermann

 

Die vom Schüler unterzeichnete Versprechens-Erklärung: 

Da mir, Max Meier, meine Zukunft sehr am Herzen liegt, verspreche ich, dass ich künftig

  • meine Mitarbeit verbessern
  • meine Hefte ordentlich führen
  • während des Unterricht gut aufpassen
  • unpassende Meldungen unterlassen und
  • für Tests und Schularbeiten lernen werde

Maxdorf, am 10.10.2010 Unterschrift: Max Meier

Name und Daten des Beispiels sind frei erfunden.

Ein provokatives Beispiel, das bei Ihnen möglicherweise Kopf schütteln auslöst oder Widerstand entfacht. Vielleicht aber auch ein Beispiel, das Ideen anregt, für den möglichen Einsatz von Vereinbarungen im Schulalltag und die Zusammenarbeit aller Schulpartner in einer schwierigen Situation. Es entstammt einem Vortrag im Schloß Puchberg vom Mai 2010 (http://betreuungslehrer.eduhi.at/downloads/autoritaet_neu.pdf) über den Begriff der „neuen Autorität“ von den beiden Autoren Haim Omer und Arist von Schlippe.

Sie fragen sich vielleicht was diese beiden Autoren und das Beispiel mit Vereinbarungskultur zu tun haben?

Es gibt viele Gemeinsamkeiten hinter der Idee und dem Ziel von Vereinbarungskultur und der neuen Autorität an Schulen. Achtung, Be-achtung, Achtsamkeit, Würde, Transparenz, Beharrlichkeit, Bindung, Ehre – zum Beispiel sind alles Werte und Haltungen, die die beiden oben angeführten Autoren für die Entwicklung einer neuen Autorität an Schulen voraussetzen. Sie sind für die Beziehungsgestaltung aller Schulpartner und somit für eine Kultur des Miteinanders im pädagogischen Alltag förderlich. Und diese ist die Basis für das Treffen von Vereinbarungen und für die Entwicklung einer Vereinbarungskultur.

Die besondere Herausforderung liegt in der Logik der neuen Autorität und von Vereinbarungskultur darin, wie eine unterbrochene Beziehung wieder aufgenommen werden kann und weniger darin, wie Eltern und Lehrer/innen möglichst schnell und effektiv die Kontrolle über kindliche Auffälligkeiten gewinnen können. Ziele in schwierigen Situationen sind gemeinsamen Bemühungen und Maßnahmen aller beteiligten Schulpartner, um die Wiederaufnahme der Beziehung zu ermöglichen und zu verbessern. Die Stärke der Autoritätsperson zeigt sich in ihrer Präsenz und ihrer Beharrlichkeit. Das Kind erlebt somit die Wahlfreiheit, sich an Vereinbarungen zu binden, ohne damit zugleich gedemütigt zu sein. „Stärke ist nicht mehr mit Macht gleichgesetzt, nicht mehr Mittel, den anderen zu kontrollieren, sondern bedeutet Wahrung der eigenen Präsenz, unabhängig vom Verhalten des Gegenübers.“ S. 47

Was im Sinne von Vereinbarungskultur an diesem Beispiel fehlt, ist meiner Meinung nach das konkrete Angebot der Schule, wie sie Max unterstützen wird, diese Vereinbarung zu halten und welchen Beitrag Schule und Eltern leisten wollen, um dieses Ziel zu erreichen. Weiters erscheint mir die Anzahl der angeführten Versprechen überhöht. Sie wirkt für mich überfordernd und eine Umsetzung all dieser Versprechen erscheint mir in der geschilderten Situation von Max unrealistisch. Das gemeinsame Vereinbaren von drei Zielen, das Festlegen von dem, das als erstes erreicht werden soll und konkrete Schritte von beiden Seiten, wie dieses erreicht werden kann, halte ich persönlich für Erfolg versprechender.

Ihre Meinung oder Ihre Erfahrungen dazu interessieren mich!

Mail: praxis@leimer.cc

Buchtipps:

Haim Omer/ Arist von Schlippe (2010): Stärke statt macht. Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Haim Omer/ Arist von Schlippe (2010): Autorität ohne Gewalt. Coaching für Eltern von Kindern mit Verhaltensproblemen. „Elterliche Präsenz“ als systemisches Konzept. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Dieses Beispiel

http://betreuungslehrer.eduhi.at/downloads/autoritaet_neu.pdf

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 Redaktion:

Christiane Leimer

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